Bergmannsheil – Der erste Versuch

Bergmannsheil Bochum

Gute Medizin mit organisatorischen Schwächen

Der erste Versuch

Vor knapp einer Woche ist mir der Aufnahmetermin noch mal schriftlich bestätigt worden. Um 10 Uhr soll ich auf der Station 2-2 sein. Also mache ich mich mit meiner Tasche um 6 Uhr auf den Weg. Mit Bus und Bahn pünktlich da zu sein, ist weit komplizierter als mit dem Auto. Und da ich noch nicht so recht an meine Entlassung auf einem Samstag glaube, nehme ich lieber mal Klamotten für eine Woche mit. Entsprechend groß und schwer ist die Tasche, die ich aber eben nur mit einer Hand tragen kann.

Nummer ziehen

Um neun Uhr bin ich im Bergmannsheil. Statt in der Ambulanz darf ich jetzt in der zentralen Patientenaufnahme im Haus 1 meine Nummer ziehen und entsprechend warten. Schließlich am Anmeldeplatz lege ich meinen Bestätigungsbrief vor. Die Dame hakt etwas in den PC, druckt Aufkleber und legt mir ein Armbändchen mit meinem Namen, ein paar Zahlen und einem Barcode an. Anschließend soll ich auf die Station 2-2 gehen und mich dort anmelden.

Warten

Viertel vor zehn bin ich auf der genannten Station und ich bin nicht der einzige, der dort auf eine Aufnahme warten darf. Eine gute dreiviertel Stunde stehe ich wartend auf dem Gang herum. Eine Schwester bietet mir, mich zu setzen. Würde ich ja gerne tun. Aber leider sind die vier noch freien Stühle auf dem Gang von davorstehenden Betten blockiert. Also stehe ich weiter, bis schließlich eine Ärztin kommt und mir und drei anderen Wartenden erklärt, wir müssten für das Aufnahmegespräch in die Ambulanz in Haus 3, weil ihr Arztzimmer von einer infiziösen Patientin blockiert sei.

Die Last mit der Tasche

Ich frage die Schwester, ob ich meine Tasche so lange im Schwesternzimmer stehen lassen kann. Die Schwester fragt die Ärztin: Nein, das gehe nicht, weil ich nicht auf der Station 2-2 aufgenommen würde. Also die Tasche mitbuckeln. Nun gut, ich habe wenigstens eine Hand zum Tragen und bin gut zu Fuß. Bei einem der anderen Patienten sieht das anders aus. Er wird von seiner Frau in einem Rollstuhl des Krankenhauses geschoben, während er seinen Rollator mit der wackelig darauf stehenden Tasche vor sich her schiebt. Auch er darf seine Tasche nicht stehen lassen. Allein auf dem Weg vom Flur zum Aufzug fällt sie ihm drei Mal runter. Keine Schwester oder Ärztin interessierts.

Von 2 nach 3 – kein kurzer Weg

Der Weg von Station 2 im Haus 2 zur Ambulanz im EG von Haus 3 klingt kurz, ist es aber nicht. Denn dazwischen liegt Haus 6. Nicht das größte aber das breiteste Haus. Entsprechend lang ist der verwinkelte Weg. Im Haus 3 angekommen, nimmt die Ärztin mir Blut ab und erklärt mir das geplante Prozedere. Ein Schnitt oben am Handgelenk um den Knochen abzumeißeln. Soweit bekannt. Einen weiteren Schnitt ein Stück weiter oberhalb setzen und einen Nerv durchtrennen, damit die Schmerzen in der Mittelhand aufhören. Höre ich heute zum ersten Mal. Und evtl. einen weiteren Schnitt seitlich am Handgelenk und irgendwas am Ulna-Kopf machen. Ist mir auch neu. Aber gut, die werden ja wohl wissen was sie tun.

Kein Bett in Sicht

Erst mal darf ich zurück auf Station 2-2 latschen. Dort solle man mir dann sagen, wo ich denn nun mein Bett bekomme. Also den ganzen Weg wieder zurück. Wo denn jetzt mein Bett sein soll, weiß man auf Station 2-2 nicht, wohl aber, dass ich erst mal zum Anästhesiegespräch muss und dafür wiederum erst mal den Fragebogen in einem Formular ausfüllen muss.

Kellerkinder

Wo das Anästhesiegespräch ist? Im Keller von Haus 3. Also wieder ein mal quer durch das Klinikum. Und ja, meine Tasche muss ich wieder mitschleppen, weil … siehe oben. Im Keller von Haus 3 sagt man mir, es würde wegen Mittag der Ärzte gut ne Stunde dauern und empfiehlt mir, ebenfalls erst mal Mittag zu machen, schließlich ist ja schon ein Uhr. Meine Tasche stehen lassen kann ich auch hier nicht. Zum Glück ist das Café im Haus 3 und diesmal reicht der Aufzug.

Ne kurze Nummer

Eine Stunde später wieder im Keller darf ich noch ne gute halbe Stunde warten, dann folgt das Aufklärungsgespräch. Die Nummer ist in unter 5 Minuten durch und beschränkt sich auf die Aufnahme meiner NSAR-Allergien. Auf die weitere Aufklärung verzichte ich dankend, schließlich hatte ich schon 14 Narkosen in den unterschiedlichsten Varianten. Eine Armplexusanästhesie war auch schon dabei. Wo ich aber nun mein Bett bekomme, weiß die gute Frau auch nicht und schickt mich zurück zur Station 2-2. Also wieder quer durchs Haus.

Haus 41?

Nach einer guten halben Stunde warten werde ich zur Station 0 im Haus 41 geschickt (wieso gibt es hier eigentlich ein Haus 41, wenn es hier nur 12 Gebäude gibt?). Nach einer guten Stunde warten dort, findet sich endlich jemand, der mir mitteilt, dass man dort mit mir nichts anzufangen, geschweige mich denn dort aufzunehmen weiß. Ich solle doch wieder zur Station 2-2 gehen. Na danke.

Nein, nicht Haus 41

Die Wartezeit hier hält sich in Grenzen und die neue Info lautet Station 3-2. Also wieder Haus 3 und noch mal quer durchs Gebäude. Immerhin zeigt diese Station sich zuversichtlich, was ein Bett angeht. Ich werde im Aufenthaltsraum der Station zwischengeparkt und gefühlte zwei Stunden später zu einem Zimmer gebracht, wo tatsächlich ein Bett und auf dem Nachttischschrank ein Abendessen steht. Kurzer Blick auf die Uhr, es ist 17:05 Uhr. Es hat also schlappe 8 Stunden und gefühlte 20 Kilometer Marsch gedauert, erfolgreich stationär in diesem Haus aufgenommen zu werden. Ich habe schon viele schlecht organisierte Kliniken erlebt, aber diese hier schlägt alles.

Stammgast?

Nach dem Abendessen, Hunde müde und um die Info reicher am nächsten Morgen nicht frühstücken zu dürfen haut es mich ins Bett. Ich will nur noch eines: Pennen, pennen, pennen. Kurz nach Sieben am Abend wird mein Schlaf unterbrochen, als mich jemand weckt mit den Worten “Es ist Zeit für ihre tägliche Spritze, Herr Jansen (oder so ähnlich)”. Eine kurze Frage danach, was man mir denn spritzen will, findet die sehr informative Antwort “Das Gleiche, was sie jeden Abend bekommen”. Interessant, ich war noch nie einen Abend hier. Ich halte der Schwester mein Armbändchen unter die Nase und frage ob da Jansen steht. Sie schaut ein wenig verdutzt, dann geht sie wortlos.

Patiententreff

Ich auch. Da ich nun ja schon mal wach bin, kann ich ja auch mal eine Runde raus gehen. Am Haupteingang vor Haus 1 findet sich eine recht illustre Runde anderer Patienten, die dort die stehen gelassenen, wenn auch aneinander geketteten Stühle des Kiosks zum gemeinschaftlichen Rauchen und Kaffee trinken missbraucht. Der Abend gestaltet sich interessant. Man kann seine eigenen Wehwehchen kund tun und bekommt die der anderen erzählt – zusammen mit vielen Erfolgsgeschichten und Lobgesängen auf die Künste der Ärzte in diesem Klinikum. Man ist sich allerdings gleichermaßen in der breiten Masse einig, dass Organisieren nicht zu den lobenswerten Künsten dieses Hauses gehört.

Nur ein leichter Fall

Verglichen mit dem, was die meisten anderen hier her verschlagen hat, kommt man sich mit einem schief zusammen gewachsenen, gebrochenen Handgelenk hier allerdings ziemlich klein und unbedeutend vor. Bei einigen ist es der Krebs aber bei den meisten hier sind es Sachen wie Rückenmarksverletzungen, sehr komplizierte Brüche und schwere Verbrennungen. Viele sitzen im Rollstuhl oder tragen einen Fixateur externa mit sich herum. Die wenigsten kommen von hier. Die weitaus meisten sind weit angereist, haben vielfach sehr lange auf einen freien Platz gewartet und sehen in diesem Haus ihre letzte Hoffnung – und bei den weitaus meisten hat sich diese Hoffnung erfüllt.

Dauergäste

Viele sind schon ziemlich lange hier. Die Aufenthaltsdauer skaliert sich in Monaten und teils auch in Jahren, wenn man von Unterbrechungen in der Art eines Wochenendurlaubs absieht. Wenn sie organisatorisch auch rein gar nichts können, weniger noch als eine Helios Wuppertal, die mich mit meinen Schatz schon in den Wahnsinn getrieben hat, medizinisch scheint man es hier voll drauf zu haben und wohl zu Recht zu den besten Kliniken Deutschlands zu gehören.

Die Nacht wird kurz

Nach einem langen Abend vor Haus 1 mit vielen, teils ergreifenden, anderen Patientenschicksalen zieht mich die Müdigkeit kurz vor Mitternacht in mein doch endlich gefundenes Bett. Meine Nacht bleibt überraschend kurz, denn um Punkt 06:15 Uhr werde ich aus meinen Träumen gerüttelt mit den Worten: “Herr Müller. Sie müssen aufstehen und sich umziehen für ihre OP, Herr Müller. Sie sind als erster dran”.

Wo ist Herr Müller?

Ich drehe mich genervt um und strecke meinen rechten Arm mit dem Bändchen dran aus dem Bett. Ein noch recht junger Pfleger schnallt die Geste als erster und bemerkt: “Das ist nicht Herr Müller, der Mann heißt Schäfer”. Die Schwester nimmt diese Feststellung etwas verwundert auf, sieht mich an und fragt mich, wo denn der Herr Müller sei, der bis gestern noch hier gelegen habe. Glaubt die allen ernstes, ich würde das wissen?

Essensplan

Ich drehe mich wieder um, ziehe mir die Decke über die Ohren und penne weiter. Frühstück gibts für mich ja eh nicht. Kurz nach zehn Uhr kommt eine ältere Dame mit einem Tablet in der Hand an mein Bett und redet mich doch tatsächlich mit dem richtigen Namen an. Nein, sie holt mich nicht zur OP.  Sie fragt, ob mit dem Essen alles in Ordnung war. Ich bejahe dies für das Abendessen. Bei der Frage nach dem Frühstück und dem Mittagessen muss ich allerdings passen, ebenso bei der Frage, ob ich morgen zu Mittag wie immer Vollkost Nr. 1 nehme.

Nicht komisch

Meine Erklärung, a) erst seit gestern Nachmittag in diesem Haus zu sein und b) auch das allererste Mal überhaupt irritiert sie ein wenig. Ein Datenabgleich schafft Klarheit. Nachname, stimmt; Vorname und Geburtsdatum stimmen nicht. Dem Geburtsdatum ihrer Unterlagen nach müsste ich gute 37 Jahre älter sein, als ich bin. Sie liest mir die Karte für den nächsten Tag vor und fragt was ich nehme.

Wichtige Fragen

Nach dem sie alles in ihr Tablet getippt hat, habe ich eine Frage an sie: “Wozu trägt man hier eigentlich das Patientenarmband, wenn es doch keinen interessiert, was drauf steht?”. Eine Frage, auf die sie offensichtlich keine Antwort weiß, ebenso wenig wie auf die Frage, warum ihr Tablet einen Barcode-Scanner hat. Ich penne erst mal weiter und stelle mir in meinem Traume so vor, wie mir die Ärzte nachher vor meinem Bett erklären wollen, dass sie mir statt mein Handgelenk zu operieren, ein Bein amputiert haben. Keine lustige Vorstellung und irgendwie ist mir auch nicht nach lachen zumute.

Kein erstes Mal

Die Zeit vergeht und kurz nach dem mir mein Zimmergenosse erklärt hat, dass man hier nach 15 Uhr eigentlich nicht mehr zur OP geholt wird, kommt die Ärztin ins Zimmer. Sie nennt mich beim richtigen Namen und spricht auch von meinem Handgelenk. Puh. Glück gehabt. Ihre weiteren Ausführungen sind allerdings die, dass ich wegen eines dringenden Notfalls vom OP-Plan gefallen sei, meine Sachen packen und nach Hause fahren könnte. Man würde mich Montag wegen eines neuen Termins anrufen.

Helikopter

Eigentlich möchte ich explodieren, aus der Haut fahren, sie zur Schnecke machen und in Grund und Boden schreien, weil die ganze Lauferei von gestern nun völlig umsonst war und mir wohl noch ein zweites Mal droht. Tue ich aber nicht. Ich frage nur ruhig: “Die Heli-Landung heute Mittag?”. Sie bejaht. Und ich fange an zu packen und mache mich auf die knapp dreieinhalb Stunden dauernde Heimfahrt.

Viel zu schreiben

Trotz allem Verständnis, ich bin recht angepisst. Und eines ist klar: Meine Erfahrungen des gestrigen Tages, gepaart mit meinen ambulanten Erlebnissen insbesondere vom ersten Mal, werden nicht nur ihren Weg in meinem Blog finden, sondern auch einen ziemlich langen Brief an die Klinikleitung bilden. Noch am Abend fange ich das Schreiben von beidem an.

Bergmannsheil

Kommentar verfassen