Nach der Sanierung der Brücke vor 10 Jahren, bei der die DB mehrfach ihre Fahrgäste vergessen hat und dem Wohei um den Brückensteig ist die Müngstener Brücke aktuell mal wieder in den Schlagzeilen. Dieses Mal geht es um die Springer. Sechs waren es dieses Jahr bisher, welche die 107 Meter freien Fall von Deutschlands höchster Eisenbahnbrücke gewählt haben, um ihrem Dasein sicher ein Ende zu setzen.

Technische Lösungen ...

Diskutiert werden aktuell neue, vor allem technische, Maßnahmen, um künftige Sprünge zu verhindern. Warntafeln mit Seelsorge-Rufnummern und ein Radarsystem mit Lautsprecheransagen und zukünftig automatischer Alarmierung der Bahn-, sorry, Bundespolizei, sollen zukünftige Sprünge verhindern. Treibende Kraft dahinter ist neben den Leute, die unter der Brücke Geschäfte betreiben, vor allem mal wieder die Kirche, weil ja irgendwo in dem Phantasie-Roman namens Bibel, in der sich ja für so ziemlich jede Scheiße ne Erklärung findet, geschrieben steht, dass Menschen, die sich selbst umbringen, im Himmel nicht willkommen sind.

Die Gewerbetreibenden kann ich ja durchaus noch verstehen. Irgendwann hat man einfach keinen Bock mehr, alle durchschnittlich sechs Wochen die zerplatzten Überreste eines Körpers zu finden, der mit tödlicher Geschwindigkeit den Boden vom Brückenpark unter der Brücke getroffen hat. Wenn die Leute ja wenigstens in die Wupper springen würden, die die ganze Schweinerei, die da am Ende übrig bleibt schon mal weitgehend fortspült. Glauben die wirklich, die 10 bis 30cm Wassertiefe würden sie den Sprung am Ende überleben lassen?

... werden es kaum bringen

Was die technischen Spielereien angeht, werden die letztlich nichts bringen. Wer wirklich die Absicht hat, seinen Löffel abzugeben, der wird sich davon nicht abhalten lassen. Wenn man an dem Punkt, des für viele Menschen wirklich beschissenen Lebens angekommen ist, wo man wirklich springen will, dann fährt man zu der Brücke, setzt sich vielleicht davor noch kurz auf eine Bank und überlegt, ob man wirklich will und dann geht man auf die Brücke und hüpft einfach über das Geländer, wie normale Leute beim Wandern über einen Weidezaun hüpfen.

Wer sich nicht sicher ist, ob er es wirklich tun will, wer vielleicht darauf hofft, auf diesem Wege noch mal in ein Gespräch zu kommen, seine akuten Probleme vielleicht doch noch irgendwie zu lösen, der steigt auf ein hohes Haus oder sucht sich eine hohe Brücke mitten in urbanen Gefilden, wo Menschen ihn sehen, die Polizei alarmieren und wo jemand kommt, der ihm gut zuredet. Auf der Müngstener Brücke, insbesondere des Abends und nachts findet man niemand zum reden. Wer hierher kommt, der hat von vornherein nicht die Absicht, die Brücke gehend und in Begleitung zu verlassen. Wer sich für die nächtliche Müngstener Brücke entscheidet, der hat schon jedes Gespräch geführt.

Lieber woanders?

Und auch wenn es für die einzelnen Menschen, die unter der Brücke arbeiten und morgens mal wieder die, nicht gerade schön anzusehenden, Überreste findet, wirklich Scheiße ist, müsste die Gesellschaft als Ganzes den Springer für die Wahl der nächtlichen Müngstener Brücke eigentlich dankbar sein. Denn wie sähe die Alternative aus? Eine hohe Brücke oder ein hohes Gebäude mitten in der Stadt. Wer direkt springt, trifft vielleicht einen unbeteiligten Passanten. Oder er klatscht unvermittelt zwischen einer Menschenmenge in einer Fußgängerzone auf den Beton, vielleicht vor den Augen von Kindern. Wer nicht direkt springt, zieht unten eine ganze Traube Schaulustiger zusammen, von denen 75% am Ende seinen freien Fall und das Zerplatzen seines Körpers für die sozialen Medien filmen.

Hier sollte sich die Gesellschaft schon fragen, ob ihr das wirklich lieber ist. Aber klar, die Gesellschaft will derlei nur komplett verhindern. Sie macht aus dem jedermann zustehenden Recht zu Leben, zur Beruhigung ihres eigenen Gewissens für jedermann eine Pflicht zu leben, interessiert sich im gleichen Atemzug aber einen Scheiß dafür, wie dieses Leben denn am Ende aussieht.

Frei nach dem Motto: Seit er nicht mehr auf einer Brücke steht, ist er uns scheißegal. Gut, er fristet sein Dasein inzwischen als Obdachloser, der sich, wenn er nicht gerade Mülltonnen auf der Suche nach einem Leckerbissen umgräbt, durch die Fußgängerzone bettelt und winters darauf hofft, eines nachts zu erfrieren. Aber Hey, immerhin haben wir sein Leben gerettet. Soll er uns doch gefälligst Dankbar sein, dass er sich noch 20 weitere Jahre durch ein sinnloses Leben quälen darf.

Lebenszwang

Haben wir als Gesellschaft wirklich das Recht, jeden Menschen zum Weiterleben zu zwingen, zu einem Weiterleben, dass vielleicht auf der Straße und in Bettelei mündet, nur damit wir selbst unseren Seelenfrieden finden?

Ich persönlich denke, das haben wir nicht und ich denke, es ist an der Zeit, gesellschaftlich eine Möglichkeit zu entwickeln, mit der Menschen, die wirklich, allem guten Zureden zum Trotz, nicht mehr leben wollen, ihr Leben würdevoll verlassen können, ohne von einer Brücke zu springen, sich vor einen Zug zu werfen oder des nachts und ohne Licht als Geisterfahrer auf die Autobahn zu fahren.

Die Gesellschaft hat es inzwischen, bis auf wenige, geistig minderbemittelte Anhänger einer bestimmten Partei, geschafft, nicht binäres Leben in all seinen Facetten ebenso zu akzeptieren, wie Depressionen und andere Krankheiten und gendert fröhlich vor sich hin. Sie sollte es doch langsam auch mal schaffen zu akzeptieren, dass manch einer nicht zu dem Leben gezwungen werden will, zu dem die Gesellschaft ihm teils mit Gewalt das Recht gibt und quasi eine Pflicht auferlegt.

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