Schnee im Winter. Na das ist ja mal was wirklich Neues. Das hatten wir ja noch nie. Oh Gott, oh Gott, was machen wir denn da jetzt bloß? Dieser vermaledeite Klimawandel aber auch. Bringt der uns einfach mal Schnee im Winter ... :)

Und kaum, dass der Boden ein bisschen weiß ist, überbieten sich die Nachrichtenseiten in diesem Land mit Meldungen, was denn das so alles mit den Menschen macht. Da sind dann auf einmal Straßen glatt. Glatte Straßen im Winter, noch etwas, was es vorher definitiv noch nicht gegeben hat. Autos rutschen in Gräben und Leitplanken, denn, oh Wunder, selbst die tollsten Assistenzsysteme können so eine Karre nicht auf der Straße halten oder stoppen, wenn die Räder auf Eis keine Haftung mehr haben.

Moderne Zeiten

Was auffällt, wenn man unterwegs ist, ist, die meisten Karren, die mit der Warnblinke am Straßenrand stehen, sind moderne SUV. Heute morgen selbst so einen Deppen hinter mir gehabt. Fetter BMW-SUV. Ging ihm eindeutig nicht schnell genug, als ich auf der Schnee-verwehten außerörtlichen statt mit den erlaubten 100 nur mit 60 unterwegs war. Zwei Kilometer ist er mir mit seiner Karre fast in den Kofferraum gestiegen. Dann hatte er die Schnauze voll und hat zum Überholen angesetzt und mal kräftig aufs Gas getreten. Fünf Sekunden später stand er in Gegenrichtung auf der Gegenfahrbahn, nach dem es seine Karre einmal komplett herumgeschleudert hat. Ob der jetzt wohl weiß, warum ich langsam gefahren bin? Ich hab da so meine milden Zweifel.

Neben Nachrichtenseiten überschlagen sich auch die Wetterdienste mit Unwetterwarnungen. Es schneit und friert im Winter. Was ein Unwetter. Aber irgendwie ist das ja auch nachvollziehbar. Wenn man eine Webseite mit Nachrichten betreibt, dann muss man halt aus jedem Furz ne Nachricht machen. Und wenn man eine Webseite mit Unwettermeldungen betreibt, dann muss man jede Wetteränderung als Unwetter verkaufen. Man muss ja schließlich jeden Tag View generieren, damit man mit der Werbung Geld verdienen kann.

Lieber einmal zu oft?

Das blöde an der Sache ist, dass selbst der ruhigste Mensch, wenn er zehnmal wegen einer Warnung vor einem schweren Gewitter seine Freizeitplanung über den Haufen geworfen hat, um dann festzustellen, dass kein Gewitter kam, es vielleicht nicht mal geregnet hat, den Geduldsfaden verliert, die Warn-App deinstalliert oder die Webseite aus seinen Favoriten wirft. Und dann kommt irgendwann mal eine wirklich wichtige Meldung.

Es ist echt bemerkenswert, wie viele Menschen sich von den ganzen Meldungen verrückt machen lassen und ihren gesunden Menschenverstand ausschalten. In meiner Kindheit und Jugend gab es kein Internet, keine Pager, keine Handys. Ich war jede freie Minute zusammen mit den anderen Blagen der Siedlung draußen, in Feld und Wald in der Umgebung. Für mich und die anderen galt einfach, wenn es blitzt, kommst Du nach Hause.
Für die Blagen meiner heutigen Nachbarin, die, für die heutige Zeit wirklich erschreckend oft draußen spielen wollen, gilt, der Wetterdienst warnt für den Lauf des Tages vor Gewittern, also geht ihr heute nicht raus – und 5 von 6 Gewittern kommen nicht.

Alexa und Co

Aber das ist wohl so in der heutigen Zeit. Nein, eigentlich ist es noch schlimmer. Ein Kumpel hat sich jüngst so ein komisches Alexa-Dings gekauft. Jetzt sitzt er am PC, dreht seinen Kopf um 90 Grad nach rechts und fragt das Ding ernsthaft, wie das Wetter draußen ist. Und er kriegt zur Antwort, was er mit einer 30 Grad Drehung des Kopfes und einem Blick aus dem Fenster auch erfahren hätte.

Seit er das Ding hat, kann er auch keinen Film mehr in Ruhe schauen. Denn irgendwie fühlt sich das Mistding ständig von irgendwelchen Filmdialogen angesprochen und quatscht dazwischen. Es folgt das inzwischen immer gleiche Ritual, in dem er mit deutlich erhobener Stimme seinen Lautsprecher anbellt „Alexa, Nein!, Aus!, Kusch! Platz!“ … OMG!

Ich hätte das Ding schon längst in der erstbesten Mülltonne versenkt. Er hingegen scheint deutlich masochistischer veranlagt zu sein, als ich es von ihm erwartet hätte. Mehr noch, jeden Morgen auf dem Weg zu Arbeit fragt er das Ding, wie das Wetter in der nächsten Stunde wird. Und wenn er irgendwas anderes als strahlenden Sonnenschein zu hören kriegt, müssen seine beiden Kiddies beim Frühstück schneller fressen, damit sie direkt mit ihm kommen können und er sie im Auto zu Schule karren kann, ohne dadurch zu spät im Büro zu sein.

Die gute alte Zeit

Wenn ich mich da mal so an meine Schulzeit erinnere … Kita, gabs damals nicht. Bis vier war ich Zuhause und Muttern hat sich um mich gekümmert. Mit vier gings in den Kindergarten. Und da wurde ich von meiner Mutter jeden Morgen hingebracht – zu Fuß, knappe 3km. Ein Jahr später musste ich jeden Morgen alleine dahin gehen. Sommers, wenns früh hell war, genauso wie Winters, wenns morgens noch stockfinster war. Damals habe ich mich jedes Mal über Schnee gefreut, denn der hieß, es ist morgens eben nicht mehr stockfinster.

Mit sechs in die Grundschule, auch 3km weit weg. Jeden Morgen zu Fuß hin, jeden Mittag zu Fuß zurück, bei jedem Wetter. Und wenn es in Strömen gegossen hat und ich bei der Ankunft in der Schule bis auf die Knochen nass war, dann war das eben so – genauso wie auch bei allen anderen Blagen in meiner Klasse. Dann hat der Klassenraum eben den ganzen Tag nach nassem Dackel gerochen. Hat keinen gestört.

Endlich mobil

Ab der dritten kam das Fahrrad dazu. Das war göttlich. Wenn nicht gerade Schnee lag war man damit 10 Minuten schneller. Zehn Minuten länger frühstücken, zehn Minuten früher Mittagessen und nach den Hausaufgaben zehn Minuten früher raus. Göttlich. Ab der achten nen Mofa. Noch schneller. Noch mehr Zeit. Nur bei Regen, da war man mit dem Ding genauso nass wie vorher.

Mein bester Schulfreund hat mich dafür sommers gehasst. Der musste vom elterlichen Bauernhof im hinterletzten Außendorf der Stadt jeden Morgen und Mittag den Schlubus nehmen. Im Winter habe ich ihn manches Mal gehasst. Jeden Morgen schön im trockenen, warmen Bus zur Schule gekarrt und wenn der Bus nicht fuhr, hatte er schlicht frei.

Und heute? Heute befragt mein Kumpel jeden Abend seine Alexa nach dem Wetter für morgen. Und wenn da nur das Wort Schnee fällt, müssen seine Kiddies am nächsten Morgen ne halbe Stunde früher aufstehen. Nicht, weil die Straßen glatt sein könnten, sondern weil er unter Umständen ja erst sein Auto freikratzen muss. In gut 70% der Fälle liegt seine Alexa im übrigen genauso daneben, wie die Nachrichten und die Unwetterwarn-Seiten.

Wie soll das auch gehen?

Und eigentlich muss einen das gar nicht wundern. Denn der Ort hier hat keine Wetterstation. Das Wetter für den Ort wird aus den Messungen einer Luftlinie 35km entfernten, 300 Höhenmeter tiefergelegenen Wetterstation und einer Luftlinie 18km entfernten, 160 Höhenmeter höhergelegenen Wetterstation extrapoliert.

Aber, dass das so ist, das sagen einem die Wetter- und Warnseiten natürlich nicht. Sonst könnten die Menschen ja mal auf die Idee kommen, ihren Verstand zu benutzen. Und mit dem lässt sich leider kein Geld verdienen. Wenn man die Menschen allerdings dumm hält, – und eigentlich wollen sie es mit ihren ganzen Apps und KI’s ja nicht anders – dann kann man ihnen auch Schnee im Winter als Sensation verkaufen … Oh armes Deutschland!