Ich habe meinen Vater 10 Jahre durch seine Demenz begleitet und pflege seit inzwischen sechs Jahren meine Mutter. Für eine Nachbarin bin ich zumindest im Notfall Ansprechpartner und einer Nachbarin helfe ich so es geht, wenn es darum geht, behördliche Dinge zu klären oder ähnliches. Und was bei all dem zunehmend auffällt ist, dass alte Menschen bei Behörden, Ärzten und anderen Institutionen eher unerwünscht sind.
Ein erschreckendes Beispiel ist der Hausarzt meiner Mutter und mir. Den telefonisch zu erreichen, war schon der Vergangenheit eine Qual. Unter mindestens 5 Anrufversuchen ging da gar nichts. Eine kurze Ansage, so leise, dass man das Telefon auf maximale Lautstärke stellen musste, um etwas zu verstehen, gefolgt von einer übersteuert lauten, einem die Ohren wegfetzenden Warteschleifen-Musik und dann meist nach 20 Minuten Gedudel einfach ein Besetztzeichen.
Abwimmeln
Inzwischen hat man dort ein neues Telefonsystem. Wer jetzt dort anruft, kann sich erst mal eine elend lange Ansage anhören, die einem Anrufer mit Nachdruck nahelegt, die Praxis doch bitte über das Kontaktformular auf der Homepage, über E-Mail oder besser noch eine datenhungrige Drittanbieter-App zu kontaktieren und dann stille. Keine Wartemusik mehr, nichts mehr. Einfach Stille. Wer dran bleibt, hört vielleicht nach ein paar Minuten eine weitere Ansage, die ihm mitteilt, er sei Nummer drei in der Warteschlange, bevor es wieder still wird. Nach 10 Minuten wird dann einfach stumpf aufgelegt.
Ich bin mit alle dem groß geworden. Seit 1981 immer einen Computer gehabt, schon zu C-64 Zeiten DFÜ mit einem Akustikkoppler praktiziert, später in BBS-Netzen unterwegs gewesen und mit dem Internet verbunden, seit es das Internet für die Allgemeinheit gibt. Smartphone, Apps, alles Dinge, mit denen ich hervorragend klarkommt. Webseite besuchen, E-Mals schreiben, Messenger benutzen, kein Problem. Aber alte Menschen?
Wählscheibe
Der Nachbar telefoniert noch über einen alten Telekomanschluss, mit einem schnurgebundenen Telefon mit Wählscheibe. Warum? Weil er nichts anderes braucht, aber vor allem, weil er das Ding gewohnt ist und damit klarkommt. Natürlich hat der sich mal von einem Verkäufer ein Schnurlostelefon aufschwatzen lassen. Er hat es mehrere Monate damit versucht, aber dann doch wieder sein klassisches, grünes Wählscheibentelefon angeschlossen. Er kam einfach mit den Tasten nicht klar und damit, dass da ständig was auf dem winzigen Display herumblinkt. Mal ganz abgesehen davon, dass man dieses kleine Mistding schnell mal verlegt. Und wenn man das Ding mal wirklich gebraucht hat, konnte man es nicht benutzen. Akku leer. Das war nichts für ihn. Ein Smartphone hat er erst recht nicht, Internet noch weniger. Und E-Mail ist für ihn ein Buch mit sieben Siegeln.
Er hat nur sein altes Telefon. Damit ist er für jedermann erreichbar und damit erreicht er seine Freunde und Nachbarn. Seinen Arzt allerdings erreicht er damit nicht. Ähnliches Problem, wie oben schon beschrieben, auch wenn es ein anderer Arzt ist. Behörden erreicht er damit auch nicht. Seine Pflegeversicherung zu erreichen, war für ihn auch eine absolute Negativerfahrung. Unter der Nummer, unter der die Pflegeversicherung angeblich jederzeit erreichbar ist, muss man sich erst mal mit einem Sprachbot rumschlagen und mit den sagen von Ja und Nein und irgendwelchen Zahlen „eingeben“, worum es bei seinem Anliegen denn geht. Hat man das endlich geschafft, folgt eine Ansage, dass man dafür eine andere Nummer anrufen muss. Die wird dann auch aufgesagt. Allerdings in einer Geschwindigkeit, in der das niemand mitschreiben kann – und wiederholt wird die Ansage auch nicht. Wer nicht sofort was zu schreiben parat liegen hatte und zudem keine Steno kann, um das so schnell mitzuschreiben, wie es angesagt wird, der kann noch mal da anrufen und sich noch mal durch die ganze Prozedur hangeln. Ganz großartig.
Faulheit
Im Falle meines Hausarztes könnte ich es noch verstehen, wenn da z.B. die Personaldecke gerade dünn ist und einfach keiner da ist, der sich neben dem Tresen am Eingang auch noch um das Telefon kümmern kann. Aber wenn man mal persönlich in der Praxis ist und das Treiben am Tresen mal beobachtet, fallen einem so einige Aspekte ins Auge bzw. Ohr.
Vor allem erst mal ins Ohr. Denn man hört da nie ein Telefon klingeln. Alle Apparate sind auf Lautlos gestellt und machen sich nur durch ein dezentes Blinken bemerkbar, wenn jemand anruft. Und das Übersehen die Damen am Tresen gern. Denn wenn gerade mal niemand vor dem Tresen zu betreuen ist, haben sie ihr Smartphone in der Hand, schreiben Nachrichten an wen auch immer oder zocken irgendwelche Spiele auf dem Ding. Klar, dass man da das Anruf-Blinken auf dem Telefon nicht sieht.