Junges wohnen

Meine Eltern sind in diese Siedlung hier gezogen, kurz nach dem sie fertiggestellt wurde. Ich wurde hier geboren und bin hier aufgewachsen. Als sich später die Gelegenheit bot, in eine eigene Wohnung im gleichen Haus zu ziehen, habe ich diese ergriffen; nicht zuletzt, weil man Vater da schon beginnend dement war und Muttern ab und an Hilfe im Umgang mit ihm brauchte. Meine Mutter wohnt inzwischen seit 65 Jahren hier. Aufgrund ihrer Erkrankungen will sie hier auch nicht weg. Hier kennt sie sich aus, hier findet sie mit geschlossenen Augen, was sie sucht.

Im Treppenhaus der drei baugleichen Häuser hier befindet sich ein zwei mal drei Meter großer Schacht. Je höher man in diesem Haus steigt, umso mehr geht man auf der angewandten Seite der Treppe, denn die Geländer sind Stand 1955er Jahre und nicht sonderlich hoch und aus der dritten Etage geht es da schon gewaltig abwärts. Eigentlich wäre dieser Schacht prädestiniert für einen Aufzug und vor rund 10 Jahren hat der Vermieter auch mal das Gerücht gestreut, ein solcher solle nun eingebaut werden.

Hausbesteigung

Drei Jahre später rückten dann tatsächlich mal Handwerker an und zogen ein Starkstromkabel vom Hauptverteiler in diesen Schacht. Gute fünf Jahre hing das da aus der Wand, dann wurde es wieder entfernt. Statt einen Aufzug einzubauen, hat sich der Vermieter seither „Junges Wohnen“ auf die Fahnen geschrieben und verfolgt die Philosophie, alte Menschen rauszuekeln und bevorzugt an junge Menschen zu vermieten, die ja kein Problem mit dem 72 Stufen-Aufstieg in die dritte Etage haben.

Doch spätestens, wenn die mal Besuch von ihren Eltern kriegen oder sich die Paketboten dem Aufstieg verweigern und ihre Pakete einfach an der Haustür ins Erdgeschoss werfen, überdenken die meisten diese Entscheidung und sind zumeist schnell wieder aus dem Haus raus.

Schade, denn eigentlich sind die Häuser schön. Nur Süd- und Südwest Balkone, viel Grün drum herum, Platz für spielende Kinder und ein riesiger Kinderspielplatz in unmittelbarer Nähe. Mit etwas weniger Geiz könnte man als Vermieter da echt was draus machen. Aber das kostet halt mal und das will man nicht.

Aber es sind nicht nur die Treppen im Haus. Auch zwischen Haustür und der höher gelegenen Straße: Treppen. Das Haus am Ende hat eine Rampe vor dem Haus bekommen. Am Haus am Anfang der Straße gibt es auch einen ebenerdigen Weg. Allerdings muss dafür einmal komplett ums Haus latschen. Wer im Haus in der Mitte wohnt, kann eine dieser beiden Möglichkeiten mitbenutzen – darf dafür aber erst einmal quer durch die Siedlung latschen.

Allen Wegen und Treppen gemein ist ihr billiges, grobes Pflaster mit groben, tiefen Querfugen. Wer vom Rettungsdienst mal auf der Rolltrage darüber geschoben wurde, hat, wenn er endlich am Rettungswagen angekommen ist, garantiert keine Füllung mehr in den Zähnen – und da spielt das Alter nicht mal ne Rolle.